Die Tuchfabrik G. H. & J. Croon

 

Jochen Buhren

Am 1. September 1862 eröffneten die Gebrüder Gustav Heinrich und Julius Croon in Aachen eine Tuchfabrik. Dafür kauften sie das Haus Karlsgraben 52 und erweiterten es mit einem Neubau.

Die Anfangsjahre waren nicht leicht, da es bereits eine große Anzahl alteingesessener Firmen gab, die fast alle dieselben Artikel herstellten. 1865 fabrizierte die Firma hauptsächlich Buxskins, bis 1870 wurde die Herstellung von Ratinés und Eskimos aufgenommen. Um sich gegenüber der mächtigen Konkurrenz behaupten zu können, wurde von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr gearbeitet. 1866 wurde der erste Webmeister in der Firma eingestellt. Obwohl die Verhältnisse in „Deutschland“  (das Deutsche Reich existierte noch nicht) vor 1870 bezüglich Handel, Verkehr usw. rückständig waren, konnte sich die Firma Croon weiter durchsetzten und den Kundenkreis ausweiten.

Da die Räumlichkeiten im Karlsgraben nicht mehr ausreichten, wurde das Anwesen Annastraße 56 mit Gebäuden der Tuchfabrik Waldhausen im September 1869 gekauft. Anfang 1870 erfolgte der Umzug. Beim Einzug in die Annastraße übernahm die Firma auch einen großen Teil der dort vorhandenen Maschinen.

Mit dem für Deutschland siegreichen Krieg 1870/71 setzte zunächst eine große wirtschaftliche Blüte ein. 1875 kam es vorübergehend zu einer geschäftlichen Krise. 1878 begann der Wiederaufstieg. Gleichzeitig stellte die Firma die Fabrikation auf Kammgarn-Herrenstoffe um.

Die Moderichtung hatte sich verändert und das Publikum bevorzugte nun immer mehr die eleganten Kammgarnartikel gegenüber den alten, klobigen Buxskin-Qualitäten. Diese Umstellung hatte Auswirkungen auf die Firma. Da die Buxskins kaum noch Absatz fanden, beschlossen G. H. und J. Croon sich nur noch auf die Kammgarnfabrikation zu konzentrieren und diese zu spezialisieren. Die geschäftliche Lage besserte sich 1879 weiter, auch bedingt durch den neuen deutschen Zolltarif vom Juli 1879.

1880 wurde Albert Erasmus als Direktor eingestellt, der schon Erfahrung mit der Kammgarnfabrikation gesammelt hatte. Die Modernisierung der Firma ging ab 1880 schnell weiter, wurde jedoch von Wasser- und Platzmangel behindert. Aufgrund des Platzmangels, bedingt durch die Einengung zwischen der Rheinischen Tuchfabrik und dem Posthof, wurde die Lohnweberei Pellmann mit 40 Lohnwebstühlen dauernd in Anspruch genommen. Als die Post umzog, beabsichtigte die Firma, den alten Posthof zu kaufen und dort einen Neubau zu errichten.

Dies war allerdings nicht nötig, da 1885 ein Brand in der „Rheinischen Tuchfabrik“ ausbrach und das Feuer nicht gelöscht werden konnte. Die Firma Croon hatte einerseits Glück gehabt, dass das Feuer nicht auf ihre Fabrik übergegriffen hatte, andererseits konnte sie sich nun endlich ausdehnen. Die Firma kaufte sofort einen Großteil des Terrains der früheren „Rheinischen Tuchfabrik“, dazu einen Teil der Paubachgerechtsame (Wasserrechte am Paubach). Sofort wurde mit dem Aufbau einer großen Webhalle begonnen, Weihnachten 1886 liefen schon die ersten Webstühle. Bis 1900 entwickelte sich die Firma durch den weiteren Ausbau und die Bemühungen der beiden Gründer allmählich zu einem Großbetrieb. Im Februar 1897 starb der Mitbegründer der Firma, Julius Croon. Die beiden Söhne von Gustav Heinrich Croon, Otto und Adolf Croon traten nun 1897 als Teilhaber in die Firma ein. 1898 überschritt die Jahresproduktion erstmals 200.000 m fertige Ware, fast nur schwarze Ware. Das Jahr 1900 brachte erhebliche Verluste mit sich, die von einer von den Engländern ausgehenden Wollspekulation verursacht wurden. 1911 wurde die Firma durch einen weiteren Neubau und durch Errichtung einer eigenen elektrischen Kraftzentrale zu einem neuzeitlichen Großbetrieb.

Am 7. September 1911 starb der Gründer Gustav Heinrich Croon. Kurz vor seinem Tod nahm er noch seinen Sohn Waldemar als Teilhaber in die Firma auf. Im April 1911 kaufte die Firma die alten Häuser Annastr. 50-52. 1912 erreichte die Fabrik einen Produktionsrekord von 480.000 m Tuch und fast 9000 Stück Ware. Jeder freie Platz in der verschachtelten Fabrikanlage wurde für Webstühle ausgenutzt. Croon-Tuche hatten im In- und Ausland einen guten Ruf.

Der Kriegsbeginn setzte der aufsteigenden Entwicklung ein Ende. Die Firma stellte sich im August 1914 sofort auf die Herstellung von Militärtuchen um. Dafür trat 1916 eine große Warennot in der Versorgung mit Zivilware ein. Bedingt durch den Versailler Friedensvertrag, welcher der deutschen Wirtschaft stark zusetzte, kam die Fabrikation von Zivilware nach dem Krieg nur langsam wieder in Gang.

Die Inflation brachte ab 1920 weitere Verluste mit sich. Weitere Probleme wurden durch die von den Besatzern, den Belgiern und Franzosen, errichteten Zollgrenzen verursacht. Am 25. Mai 1923 trat Hans Croon, ein Sohn Otto Croons, in die Firma ein. Ab 1924 widmete sich die Firma Croon dem Wiederaufbau, da der Zustand des Betriebes aufgrund der langen Kriegszeit und der Inflation relativ schlecht war. 1931/32 standen ganz im Zeichen eines weiteren wirtschaftlichen Abstiegs. Mit der Machtergreifung Hitlers ging es für die Firma zunächst bergauf. Aufgrund des damaligen Aufbauwerks wurden neue Arbeitskräfte eingestellt. Im Oktober 1933 trat Waldemar Croons Sohn Waldemar junior in die Firma ein. Bis 1937 ging es weiter bergauf.

In den 30er-Jahren wurden auch weiterhin hochwertige Kammgarnprodukte für Gesellschaftskleidung hergestellt (z.B. Drapes und Foules); daneben gehörte aber auch garngefärbte Ware zum Programm. Vor allem zum Ende der 30er-Jahre häuften sich Aufträge für Wehrmachts-Uniformtuche. Diese Aufträge wurden zugeteilt und waren in der Tuchindustrie begehrt, da es große Aufträge waren.

Während des Krieges wurde weiter produziert, wobei es merkliche Einschränkungen gab. Viele Arbeiter wurden durch Arbeiterinnen ersetzt, die zunächst angelernt werden mussten, und es standen nicht immer genügend Garne zur Verfügung.

1943 zog ein großer Bombenangriff auf Aachen auch die Tuchfabrik Croon in Mitleidenschaft. Die Schäden konnten jedoch so weit repariert werden, dass eine Fortsetzung der Produktion möglich war; einige Gebäudeteile, wie Haus 7, blieben sogar unzerstört. Leider war das alte Stammhaus in der Annastraße unter den zerstörten Gebäudeteilen, sodass die Büros in den Wohnhäusern Annastraße 58/60 eingerichtet wurden.

Nach dem Krieg musste ein „permit“ beantragt werden, um die Produktion wieder aufnehmen zu können. Erst relativ spät, nach zwei Jahren, erhielt man grünes Licht. In der frühen Nachkriegszeit wurde das Aachener Stromnetz zeitweise durch einen von einer Dampfmaschine Croons angetriebenen Generator mit Strom versorgt.

In den 50er-Jahren war der Betrieb wieder voll ausgelastet. Man begann mit der Herstellung von Stoffen für die Damenoberbekleidung; auch der Anteil garngefärbter Tuche nahm zu. Man entschied daher, die Produktion auf einen 3-Schicht-Betrieb umzustellen. Das führte zunehmend zu Lärmbelästigungen für die innerstädtische Nachbarschaft. Da der in mehreren, zum Teil sehr alten Gebäudeteilen untergebrachte Betrieb ohnehin modernisiert werden sollte, entschied man sich 1958 zu einem Neubau „auf der grünen Wiese“ in Aachen-Brand. Hier entstand ein ebenerdiger Betrieb, in welchem die Webereivorbereitung, die Weberei – zum Teil bereits mit modernen Sulzer-Webmaschinen ausgestattet – und die Stopferei untergebracht wurden. Das Schweizer Architekturbüro Gherzi baute einen für die damalige Zeit hochmodernen Industriebau, fensterlos und klimatisiert. 1959 begann man mit dem Umzug nach Brand. In der Innenstadt verblieb die Ausrüstung, gefärbt wurde weiterhin hauptsächlich bei Rouette in der Soers. Freiwerdende Gebäudeteile im alten Gebäudekomplex konnten vermietet werden, z.B. an die Wollstrickfirma „3 Pagen“.

1968 erfolgte eine Fusion mit den Firmen „Dechamps & Drouven Nachf.“ und „Nickel & Müller GmbH.“. Im gleichen Jahr wurde die Ausrüstung in der Annastraße stillgelegt – die Kapazitäten in der Ausrüstungsabteilung des fusionierten Unternehmen waren hinreichend. Herr Waldemar Croon jun. trat 1970 mit dem Verkauf seiner Geschäftsanteile an der fusionierten Firma aus dem Unternehmen aus. Die Firma „Dechamps Textil AG“, die aus der Fusion hervorgegangen ist, musste am 30. Juni 2002 den Betrieb einstellen.

Quellen:

-„Die Firmen-Geschichte der Tuchfabrik G. H. & J. Croon, Aachen“, ein Festvortrag, gehalten am 1.9.1937 anlässlich des 75jährigen Jubiläums, Archiv Tuchwerk Aachen e.V.

– Interview mit Herrn Waldemar Croon jun. (Aachen) im März 2001