Presseartikel aus naher Vergangenheit

aus dem Aachener Super-Mittwoch – 06.01.2016

Ein Paradies für alle, die Aachener Tuch-Geschichte noch einmal erfahren möchten
Der Verein „Tuchwerk“ präsentiert in der Soers einen musealen Querschnitt und technische Highlights
VON MICHAELA LEISTER
AACHEN. Hier gibt’s Aachener Geschichte pur, zum Sehen und zum Anfassen. Für Wilhelm Kelmes ein wahres Paradies, in dem man die Zeit einfach vergessen kann. Wilhelm Keimes ist Weber von Beruf, seit 2001 pensioniert und hat die Aachener Tuchgeschichte ein großes Stück mit begleitet. In der riesigen Halle des Vereins „Tuchwerk“ taucht er gerne in diese alten Zeiten ein, bedient die Webstühle und repariert, soweit möglich, defekte Teile. „Die Aachener Tuchindustrie ist komplett Geschichte – in Aachen und der gesamten Region. Es gibt lediglich noch einige Betriebe, die technische Gewebe herstellen“, resümiert Jochen Buhren, Vorstandsmitglied bei „Tuchwerk“. „Tuchwerk“ möchte diese Historie der Stadt und der gesamten Region aufarbeiten und für die Nachwelt erhalten.
In Schwung gebracht
Seit 2001 sammelt der Verein alte Relikte und prächtige Webstühle, die teils noch funktionieren wie in alten Tagen. Und das ist auch ein Verdienst von Wilhelm Kelmes, der die alten Maschinen bedienen kann und in Schwung hält. Stück für Stück ist auf dem riesigen Gelände ein Museum entstanden, das in der alten Tuchfabrik Wilhelm Becker eine Heimat gefunden hat. Bis unter das Dach sind die Regale mit Relikten gefüllt, die alle aus der Tuchindustrie stammen. Prächtige Nähmaschinen, Garne in unterschiedlichsten Farben, hölzerne Schiffchen und Spulen oder Geräte, mit denen beispielsweise die Reißfestigkeit eines Fadens gemessen werden kann, zählen zum musealen Bestand.
Ebenerdig reiht sich eine Maschine an die andere, von der jede eine eigene Geschichte besitzt. Die größte Maschine, vielleicht zwölf Meter lang, stammt aus einer Ketteniser Weberei in Belgien, die zwar heute noch existiert, sich aber auf Kunstfasern spezialisiert hat. Ein anderes Exemplar stammt ursprünglich aus Verviers, ein anderes aus dem Bergischen Land.
Das wohl älteste Stück ist eine sogenannte Krempel-Maschine aus Aachen. Sie stammt noch aus der Zeit von Charles James Cockerill. Der Brite hatte vor gut 200 Jahren die Industrialisierung in der Region vorangetrieben. Weitere Webstühle hat „Tuchwerk“ bereits anvisiert, die sich zum Teil auch noch in Monschau befinden.
Wie geschmiert rattert noch der Muster-Webstuhl der alten Tuchfabrik Becker. An ihm hat der 74-jährige Weber Keimes vor vielen Jahren gearbeitet und bedient ihn auch heute noch immer wieder gerne. Mit diesem Webstuhl lassen sich zeitgleich die verschiedensten Muster für Stoffe erstellen. Er ist deshalb vom Aufbau her anders. „Das ist ein 6A6-Becker und dies ein Pfeffer&Salz Muster“, greift Wilhelm Kelmes zwei der Stoffmuster auf, die seinerzeit in den verschiedensten Varianten gewebt und für Anzüge verwendet wurden. Für „Tuchwerk“ ist Wilhelm Kelmes ein Glücksfall, der das alte Handwerk wie seine Westentasche kennt. Er ist zwar nicht der einzige Vertreter in diesem Kreis, aber einer der wichtigsten für „Tuchwerk“.
Das Tuchfabrik-Gelände in der Aachener Soers, das im Besitz der Margarete-Lorenz-Stiftung ist, war für den Verein Tuchwerk eine Möglichkeit, Hunderte Jahre Tuchgeschichte unter einem Dach zu vereinen und alle Stücke in voller Pracht und Größe aufzustellen. Wer in die Historie der regionalen Tuchproduktion eintauchen möchte, der erhält in der alten Fabrikhalle einen weitgreifenden, musealen Einblick.

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Presseartikel zur Depoteröffnung September 2014

Aachener Nachrichten – 2. Juni 2012 Neuer Anlauf für das „Tuchwerk Aachen“ Alte Lösung barg zu viele Risiken für den gemeinnützigen Verein. Nun hat eine Stiftung ehemalige Tuchfabrik in der Soers gekauft. VON HEINER HAUTERMANS Aachen. Das Ziel bleibt das gleiche, doch die Karten sind neu gemischt. Der Verein „Tuchwerk Aachen“ will nach wie vor in der Soers in wunderschöner Lage in denkmalgeschützten Gebäuden, die einmal der Textilherstellung dienten, in einer Ausstellung die Aachener Industriegeschichte darstellen, besonders die der Textilindustrie. Schließlich waren Aachener Tuche über Jahrhunderte ein international bekanntes Markenzeichen und haben Generationen von Aachener Familien zu Wohlstand verholfen. Die Pläne für eine Art lebendiges Museum gibt es seit Jahren, sie sind aber durch die Insolvenz der Tuchfabrik Becker obsolet geworden. Preis war zu hoch Die Tuchfabrik Wilhelm Becker KG hatte die Liegenschaft samt dort befindlicher Färberei Rzehak 1969 erworben, die Produktion aber 1983 nach Brand verlagert und die Gebäude weitgehend nur noch als Lager genutzt. Jahrelang stand die Immobilie, die ehemalige Stockheider Mühle, leer und verfiel, das Areal liegt in einer Art Dornröschenschlaf. Becker wollte dort vor allem 20 schicke und teure Wohnungen entlang des Wildbachs einrichten, hatte auch schon entsprechende Pläne erarbeiten lassen. Ein Teil des Geländes sollte dem Verein Tuchwerk überlassen werden, der dort auch ein Restaurant betreiben sollte. Öffentliche Mittel in Höhe von 2,5 Millionen Euro waren bereits im Zuge der Euregionale 2008 zugesagt, doch letztlich wurde das Projekt wegen unklarer Eigentumsverhältnisse und zu großer Risiken für den Verein bei Baukosten, Bürgschaften und Umsatzerwartungen nicht verwirklicht. Der Verein blieb jedoch weiterhin mit der Firma Becker in Kontakt, allerdings war der geforderte Preis unbezahlbar. Das änderte sich im Laufe Abwicklung der Tuchfabrik Becker. Zwei Vereinsmitgliedern gelang es schließlich, die Liegenschaft zu erwerben: Das Kuratoriumsmitglied Axel Deubner, der auch schon ein Depot in einer ehemaligen Schleifmühle in der Nähe erworben und dem Verein zur Verfügung gestellt hatte, und Andreas Lorenz, Sproß einer Industriellenfamilie, der über eine Stiftung für den Verein die Gebäude gesichert hat, diesmal zu einem für den Verein vertretbaren Risiko. Schon Ende 2006 hatte der Verein ein kleineres Textilmuseum in der Komericher Mühle in Brand eingerichtet, dieser Standort habe sich aber als nicht geeignet erwiesen, sagt Dr. Heinz Rzehak, seit kurzem Vorsitzender des Vereins und durchaus persönlich mit dem Vorhaben verbunden. Er ist der Sohn des letzten Eigentümers der Firma Rzehak. Lang ersehnt habe man diesen Erwerb, sagt sein Stellvertreter Jochen Buhren, allerdings ist der Deal notariell zwar schon beglaubigt, aber noch nicht im Grundbuch eingetragen. Eine Menge Arbeit Wenn das erledigt ist, liegt noch eine Menge Arbeit vor dem agilen Verein und den Investoren. Denn momentan befinden sich große Teile der Stockheider Mühle am Strüwerweg, die schon im 13.Jahrhundert als Kupfermühle erwähnt wurde, in einem beklagenswerten Zustand. Teile sind einsturzgefährdet oder schon eingestürzt. Erste Aufgabe ist folglich die Sicherung der Baussubstanz. Ein erster Rundgang mit einem Dachdecker hat bereits stattgefunden und größeren Investitionsbedarf ergeben. Als nächster Schritt soll dann eine Ausstellungsfläche gesichert werden, um die Exponate vom Depot an der Rütscher Straße an den Strüwerweg zu holen. Dann muss geklärt werden, ob die seinerzeit zugesagten 2,5 Millionen Euro noch zur Verfügung stehen, ansonsten müssten anderweitig öffentliche Mittel eingeholt werden. Überhaupt gilt es, einen Finanzierungsplan und einen Masterplan für eine komplette Restaurierung zu erstellen, Sponsoren zu suchen. Rzehak: „Wir müssen dauerhaft Einnahmen schaffen.“ Der Vorsitzende hofft darauf, dass viele Aachener Familien mithelfen und Exponate aus Aachens Industriegeschichte in der Soers ausstellen. Aachen verfügte nicht nur über viele Textilfirmen, sondern auch ausgezeichnete Betriebe, die die entsprechenden Maschinen bauten. Vorsitzender Rzehak: „Diese ingenieurmäßigen Kleinode der Maschinenbaukunst faszinieren uns. Wir haben genügend Mitglieder, die an den Maschinen gearbeitet haben und ihre Schönheit schätzen. Dafür brauchen wir ein passendes Heim.“ Und dafür ist die ehemalige Firma Rzehak quasi die natürliche und ideale Heimat. Doch nicht nur Textilmaschinen sollen ausgestellt werden, aus andere Expon aus dem riesigen Fundus, etwa alte Firmenakten, Musterbücher, oder Modekataloge aus mehreren Jahrzehnten, die in Wechselaustellungen gezeigt werden sollen. Möglich ist, dass auch andere Exponate aus Aachens Industriegeschichte ausgestellt werden, möglicherweise sogar Oldtimer. Schließlich gab es in Aachen auch mal Automobilfirmen (Fafnir), die sogar Rennwagen herstellten. Reichlich Ideen Weitere Ideen gibt es reichlich: Einige Wohnungen könnten eingerichtet werden, nicht im großen Maßstab wie in der ersten Planung, sondern vielleicht für Künstler mit angeschlossenem Atelier. Ein Gästehaus für RWTH-Professoren könnte her, auch Gastronomie, die Einnahmen bringen würde. Das Gelände mit Weiher, das am Weißen Weg liegt, könnte für Ausflügler und Spaziergänger geöffnet werden. Heinz Rzehak: „Wir sind im Moment im Stadium der Ideensammlung.“ Ein Textilmarkt könnte dort ein-bis zweimal im Jahr abgehalten werden, denkt Schatzmeister Herbert Schauer laut, in dem lebendigen Museum sollen auch Tuche auf den restaurierten Maschinen angefertigt werden. Auch neueste Forschungsergebnisse etwa aus dem Wollforschungsinstitut der RWTH könnten präsentiert werden, um das Tuchwerk möglichst attraktiv zu gestalten. Rzehak: „Wir reden über eine Zeitachse von mehreren Jahren.“