Rede Depoteröffnung

Rede zur Eröffnung des Tuchwerk-Depots

Sehr geehrte Bürgermeisterin, Frau Dr. Schmeer, sehr geehrte Frau Krücken, sehr geehrter Herr Schultheis, sehr geehrter Herr Dr. Buschmann, sehr geehrter Herr Dr. Gilson, sehr geehrter Herr Wenzler, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitstreiter, liebe Freunde!

11 Jahre Verein Tuchwerk Aachen, davon 2 Jahre Arbeit hier auf dem Gelände der Stockheider Mühle. Lassen Sie mich eingangs einen Rückblick in die Geschichte des Vereins und unserer Tätigkeiten werfen, denn wir glauben, jetzt einen großen Schritt in Richtung unserer Vision gemacht zu haben – einer zeitgemäßen Ausstellung zur Geschichte der Aachener Textilindustrie, ihrer euregionalen Verflechtung sowie ihrer Gegenwart und Zukunft. Mit dem Tuchwerk-Depot leisten wir einen Beitrag zum Erhalt unseres industriekulturellen Gedächtnisses, wir schaffen einen neuen Erlebnis- und Lernort für unsere Stadt.

Als 2001 eine Gruppe von Textilunternehmern, Historikern, Lehrern, ehemaligen Mitarbeitern aus der Textilindustrie sowie Vertretern der regional ansässigen Industriemuseen die Idee einer Ausstellung zum einstmals bedeutendsten Gewerbe unserer Stadt, ja der ganzen Region hatten, konnte keiner ahnen, dass dazu die Ausdauer eines Langstreckenläufers erforderlich sein würde. Verheißungsvoll der Anfang: geeignete Räumlichkeiten waren schnell gefunden, Teile der früheren Spinnerei Komericher Mühle in Aachen-Brand; mit der Zeit gesellten sich ehemalige Mitarbeiter aus Tuchfabriken, Spinnereien oder Färbereien hinzu, die zu ehrenamtlicher Mithilfe bereit waren; alsdann galt es – solange sie überhaupt noch zu finden waren – die Hinterlassenschaften dieses Gewerbes zu finden und zu retten, also Musterbücher, Geschäftskorrespondenz, Fotos, ja Teile ganzer Firmennachlässe; und schließlich Textilmaschinen, die in den Unternehmen unserer Region schon nicht mehr zu finden waren. Also ging der Blick weit über die Region hinaus, um passende Objekte zu finden, die wir in mühsamer Arbeit demontierten, mit LKWs oder Tiefladern nach Aachen transportierten, hier aufstellten und restaurierten. Das Meisterstück war die Demontage einer kompletten Spinnerei in Südbelgien. Finanziert werden konnten diese aufwändigen Arbeiten durch großzügige Spenden des Textilunternehmers Hans Lorenz und durch Zuwendungen der NRW-Stiftung sowie der Sparkasse Aachen,

Im November 2006 konnte die Ausstellung in der Komericher Mühle mit großer öffentlicher Resonanz eröffnet werden. Doch hatten wir bereits das nächste Ziel vor Augen: im Kontext der Euregionale 2008 rang die Tuchfabrik Becker gemeinsam mit der Stadt um eine städtebauliche Lösung für ihr ehemaliges Färbereigelände hier in der Soers. Eine Kombilösung stand zur Diskussion, bei der, neben einer Wohnnutzung, wir Tuchwerker im vorderen Teil des Geländes ein Museum etablieren sollten und weitere Teile des Geländes mit Werkstätten und Museumsshop managen sollten.

Nach immensen Mühen bei der Planung und ebenso immensen Kosten – letzteres alleine geschultert durch private Spenden – mussten wir erkennen, dass die Annahmen des Geschäftsplanes illusorisch waren. Das Tuchwerk wäre nach diesem Konzept bald zahlungsunfähig geworden.

Was blieb, war der Stadt zu signalisieren, bei neuen Planungen für das Gelände Stockheider Mühle mit neuen Investoren bereit zu stehen, um dort eine Ausstellung in Eigeninitiative aufzubauen. Man kann der Stadt nicht genug danken, dass sie danach ihre schützende Hand über die Stockheider Mühle hielt und dafür sorgte, dass alle Nutzungskonzepte mit der Installation einer kulturellen Nutzung durch uns Tuchwerkern als Auflage verbunden blieben.

Unsere zu diesem Zeitpunkt nochmals erweiterte Sammlung an Maschinen und Archivalien konnte in dieser Phase in der Shedhalle einer ehemaligen Spinnerei an der Rütscherstraße, nur rd. 1000 Meter von hier entfernt, zur Miete unterkommen. Die Nutzungsmöglichkeiten unserer Ausstellung in Brand waren unterdessen massiv eingeschränkt worden; insgesamt also keine erfreuliche Perspektive.

Doch die Arbeit ging unverdrossen weiter; man demontierte die links von mir aufgestellte Krempelmaschine aus dem in Kettenis bei Eupen ansässigen Unternehmen AstenJohnson,  Maschinen aus Bocholt und Bramsche kamen hinzu, wobei unsere gute Vernetzung mit anderen Textilmuseen von großem Vorteil war.

2012 nun stellte einen echten Neuanfang dar: Mit dem Erwerb des Geländes der Stockheider Mühle aus dem Immobilienbestand der letzten in Aachen produzierenden Tuchfabrik, „Becker & Führen Tuche“, ermöglicht durch die Margarete Lorenz Stiftung, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Da nun auf die zuvor geplante Wohnbebauung verzichtet werden konnte,  entschieden wir, mit dem gesamten Bestand an größeren Objekten den Teil der Anlage zu beziehen, der sich für eine kompakte Aufstellung unserer Maschinen am ehesten eignete, auch wenn ihm der Charme alter Backsteinbauten fehlt. So übernahmen wir die in der Rütscherstraße entwickelte Idee eines begehbaren Depots. Jetzt konnten wir mit dem Aufbau unserer Maschinen und Kleinobjekte beginnen, um zukünftigen Besuchern den Weg der Wolle von der Flocke zum Garn und vom Garn zum Tuch anschaulich vor Augen zu führen. Durch die tägliche Präsenz von Herrn Bardenheuer als Repräsentanten der Stiftung sowie Ehrenamtlern des Vereins im Pförtnerhaus haben sich völlig neue Arbeitsmöglichkeiten für die Aktiven ergeben.

Daneben fand unsere Sammlung an wertvollen Archivalien – der Museumsfachmann spricht hier lakonisch von der Flachware – im ehemaligen Verwaltungstrakt, rechts neben dieser Halle gelegen, einen geeigneten Raum. Das Archiv wird seit mehreren Monaten, mit finanzieller und beratender Unterstützung durch den LVR, in einer Datenbank erfasst und fachgerecht eingelagert, um anderen Institutionen, Forschern und Privatpersonen Zugang zum textilgeschichtlichen Gedächtnis unserer Stadt zu ermöglichen.
Daneben haben inzwischen Gesprächskreise zu einzelnen Aspekten der Textilgeschichte  stattgefunden, wie vor einigen Wochen zur Modefirma Elegance.

Wie geht es weiter? Die angestrebten Ziele des Vereins sind: Ausbau des Depots, die Fortsetzung der Inventarisierung der Archiv-Sammlung und schließlich die Realisierung unserer lange gehegten Ausstellungsidee im vorderen Teil des Geländes, wobei uns, neben dem Thema der euregionalen Verflechtung, vor allem die Entwicklung traditioneller Textiltechniken hin zu hochmodernen Anwendungen interessiert, also das, woran Aachener Forschungsinstitute arbeiten bzw. was regionale Hersteller technischer Textilien herstellen.

Insgesamt geht es Verein und Stiftung aber um die Entwicklung des gesamten Geländes, hin zu einem Kultur- und Wissensstandort. Gespräche mit der Hochschule führten inzwischen zu einem „letter of intend“, und zwar in der Weise, dass TH-Institute hier auf dem Gelände in Zukunft Teile ihrer Lehrsammlungen unterbringen wollen. Erste Schritte einer kulturellen Belebung finden bereits statt: praktische Seminare vom Architekturstudenten; Schülerprojekte wie die aktuell laufende Ausstellung world.wide.wool.net – und ab diesem Monat Aufführungen des Theater K – lassen Sie sich gleich überraschen.

Verein und Stiftung sind eng miteinander vernetzt. Erstmals kann der Verein mietfrei – und damit unbelastet – an seinen Vereinszielen arbeiten. Wir haben somit eine solide Grundlage geschaffen; es bleibt zu hoffen, dass die Stadt dies erkennt und das im Geleisteten schlummernde Entwicklungspotential, seinen industriekulturellen Wert, als zu förderndes Projekt wahrnimmt.

Bedanken möchte ich mich zunächst bei der noch bescheidenen Anzahl unserer großzügigen Sponsoren. Zuletzt – und das liegt mir besonders am Herzen – ein Dank an alle unsere unermüdlichen, über die Jahre treuen ehrenamtlichen Mitarbeiter – ohne Sie wäre der steinige Weg zu dieser Eröffnung nicht möglich gewesen.

Helfen auch Sie mit, weiter an der Vision des Tuchwerk Aachen zu arbeiten, werden Sie Mitglied im Verein, unterstützen Sie uns bei der praktischen Arbeit oder spenden Sie einfach!

Vielen Dank!